Das Dilemma der IG Metall und ihr gesellschaftlicher Bedeutungsverlust

Gewerkschaften waren noch nie so wichtig wie heute – vor allem für die Arbeitgeber. Brav unterschreiben sie Tarifverträge für fast alle Branchen, um etwas zu regeln, damit es nicht „regellos“ ist. Und auf den ersten Blick scheint alles gut.

Aber der Schein trügt.

Denn es werden Tarifverträge abgeschlossen, die vor allem den Arbeitnehmern in Großbetrieben helfen. Die mittelständische Wirtschaft und die kleinen Unternehmen sind da nicht unbedingt glücklich bei, obwohl hier das Potential für eine andere Art der Tarifpolitik wäre.

Nun schreibe ich hier über die IG Metall, weil ich mich da am besten auskenne.

Die IG Metall war eine Gewerkschaft, bei der die Kraft von den Wurzeln kam.

Das zeigte sich noch vor 12 Jahren, weil damals die Repräsentanten vor Ort als gewählte Vertreter noch echte Entscheidungsbefugnisse hatten.

Diese wurden in den Jahren danach über interne Beschlüsse von der Front in die Etappe verlagert, in die Bezirksleitungen. So nennt man die regionalen Aussenposten des Vorstands der IG Metall. Vorangetrieben von Jürgen Peters und später vollendet von Berthold Huber und Oliver Burkhard.

Schritt für Schritt wurden die „Bevollmächtigten“ entmachtet und mußten erleben, wie aus ihrer Verantwortung reine Befehlsempfängerei wurde. Dafür nennt man sie heute Geschäftsführer (!). Manche sind froh, daß sie keine echte Verantwortung mehr haben, andere sind weg.

So wurde der Vorstand allmächtig und mit der eisernen Organisationsdisziplin, die die Gewerkschaftsmitglieder auszeichnete, wurde auch alles so umgesetzt. Versuche auf Gewerkschaftstagen, die dies verhindern wollten, waren nicht mehrheitsfähig.

Neben dieser Entwicklung gab es aber noch eine andere Entwicklung, die mindestens ebenso nachhaltig war.

Das Schlagwort dazu lautet Arbeitszeitkonten.

Erst wurden sie mit den Betriebsräten vereinbart, dann wurden sie mit den Gewerkschaften in Tarifverträgen erweitert und jetzt diskutiert man die Lebensarbeitszeit. Das ist der größte Selbstbetrug – es sei denn, man glaubt, man sei unsterblich.

Natürlich gibt es staatliche Propaganda, die erzählt, wir würden immer älter.

Das stimmt aber nicht sondern gilt nur für ausgewählte Menschen unter besonderen statistischen Bedingungen. Aber wohl weniger für fremdbestimmte Industriearbeitnehmer in Betrieb und Büro.

Und natürlich gibt es viele Betriebsräte, die im Konsens nur darauf warten, so etwas abzuschließen, weil sie den innerbetrieblichen Konflikten nicht gewachsen sind. Es ist die Welt der Co-Manager (man beachte die Feinheiten und Interessen in dem verlinkten Wikipedia-Artikel).

Es sind eben neue Zeiten mit weniger Konfliktbereitschaft und so gut wie keinem gesellschaftlichen Verständnis mehr, das Veränderungen will, die tiefer und weiter gehen.

Das hat etwas mit dem neuen Zeitgeist zu tun, der neoliberale Gesetze wie Zeitarbeit und die Rente mit 67 als gesellschaftlich akzeptierte „Lösungen“ lebt statt aufzustehen und sich gemeinsam dagegen zu wehren.

Aber das wissen die, die wissen, warum sie sich lieber ducken und das wissen die, die es probiert haben. Es wissen also fast alle.

Nun ist der Mindestlohn da und das kratzt am gewerkschaftlichen Selbstverständnis. Daher durfte er nicht zu hoch sein, damit die Gewerkschaften ab 2017 noch darüber liegen können mit ihren Tarifen.

Aber gepfuscht wurde dennoch.

Denn es gibt die Zeitarbeitskonten, die alles kaputt machen. Wenn sie so eingesetzt werden, daß man kurzfristig einige Zeit aufbaut und danach wieder selbstbestimmt abbaut sind Arbeitszeitkonten nicht schlecht.

Aber das ist eher die Ausnahme.

In der Zeitarbeit ist das Schema doch anders. Erst mal ins Konto arbeiten und nichts dafür erhalten und bei fehlendem Auftrag zu hause bleiben und abfeiern. Das ist weder selbstbestimmt noch gut, weil in der Zeitarbeit die niedrigsten Löhne gezahlt werden und so auch keine Mehrarbeit bezahlt wird. Der Verleiher verdient an jeder Stunde und weil er die Stunden des Arbeitenden zwar sofort abrechnen kann aber nicht sofort auszahlen muß macht er glänzende Geschäfte.

In den anderen Betrieben wird die Lebensarbeitszeit diskutiert. Aber wer hat heute noch einen bis zur Rente sicheren Arbeitsplatz?

Das geht so eigentlich nur, wenn man weiß, daß es so nicht geht.

In den gesellschaftlichen Debatten der Bundesrepublik kommt die IG Metall nicht mehr vor. Einzig das Thema psychische Belastungen kam einmal hoch, aber sonst?

Aktuell will keiner das Monopol der Gewerkschaften knacken, weil sie so friedlich sind und funktionieren.

Sie haben die Gefahr von unten innergewerkschaftlich gebannt und die Gefahr von außen politisch zumindest bis zur nächsten Bundestagswahl stabilisiert.

Es geht ihnen also gut.

Die einzelbetriebliche Konfliktstrategie der IG Metall ist einige Zeit aufgegangen, aber ob sie damit eine mittelfristige Bindung in ihren Betrieben erzielt ist eine andere Frage.

Und die IG Metall spielt gesellschaftlich keine Rolle mehr.

Ihr Dilemma besteht darin, mehr als 2 Millionen Mitglieder zu haben aber in den Medien keine Rolle zu spielen, während attac gerade mal über 20.000 Mitglieder hat und überall medial eine Rolle spielt.

Es geht nicht nur um Kampagnenfähigkeit sondern um eine Vision für das Arbeitsleben in einer Zeit der Orientierungslosigkeit.

Die Macht der IG Metall war die Tarifautonomie und ihr Werkzeug waren die Tarifverträge mit echten Verbesserungen und echten Erneuerungen. Diese wurden ersetzt durch Tarifverträge ohne echte politische Forderungen.

Ein kleines Beispiel ist die Metallrente. Wieso müssen Arbeitnehmer zusätzlich zu ihrem Verdienst eine private Rente aufbauen, die im Alter mit Sozialversicherungsleistungen verrechnet wird und die eigentlich nur aus Draufzahlen besteht, wie wir mittlerweile wissen?

Walter Riester steht als Gewerkschafter eher für eine private Vorsorge, bei der alle verdienen außer dem Versicherten. Daraus müßte doch eine politische Forderung werden, die lautet: schafft die Rieser-Rente ab so wie Hartz 4 verschwinden muß.

Gerade Hartz 4 – gemacht von Peter Hartz im Kabinett mit Walter Riester(?) – ist die böseste Konstruktion, die ich bis heute kennengelernt habt, weil ausgerechnet die, die vorher sozialversicherungspflichtig gearbeitet haben, am schlimmsten davon betroffen sind. Da fangen die echten Themen an mit denen die IG Metall punkten könnte.

Und dann die Frage der Hedge-Fonds. Auch so ein Schröder-Riester Kind. Wieso werden diese „Heuschrecken“ nicht völlig per Gesetz zurückgedrängt? Sie produzieren doch die Menschen, die nach dem Verlust ihrer Arbeitsplätze wegen Kostenoptimierung oder anderer schlüpfriger Begriffe zum Jobcenter müssen und in die Hartz 4 Falle tappen.

Da würde sich doch mit diesen drei Themen allein ein Dreieck an Möglichkeiten für eine gesellschaftliche Debatte auftun. Aber das Logo der IG Metall ist mittlerweile viereckig, so daß noch Platz für mehr Themen wäre.

Und das vierte Thema wäre „Arbeitszeit ist Lebenszeit“, also die Abschaffung von größeren Arbeitszeitkonten, die Reduzierung von Überstunden und die Einführung einer tariflichen 30-Stunden-Woche ab 50 gekoppelt mit einem Tarifvertrag, der über 50jährige einstellt und qualifiziert, so daß die Anforderungen an Leistung ohne Verschleiß beim Menschen ebenso Thema werden wie eine Perspektive für Menschen, die bisher arbeitslos werden und bleiben müssen, weil altes Denken vorherrscht. Oder man schafft die Rente mit 67 wieder ab.

Oder gibt es Gewerkschafter, die ganz froh über diese Regeln sind, weil durch dieses Damoklesschwert der Widerstand bei unangehmen Abweichungen nach unten in Tarifverträgen gebrochen werden kann? Kaum vorstellbar oder?

Und die Forschungsinstitute bzw. Stiftungen?

Man hat den Eindruck, es geht darum zu beweisen, daß sie sich im Mainstream des Wissenschaftsbetrieb behaupten. Wie kann man da politisches Denken oder sogar Alternativen verlangen?

Fehlt der Rückhalt aus den Betrieben?

Ich glaube eher, daß es an einer Strategie für schmerzhafte Veränderungen fehlt.

Was da heute kommt von Beratungsgesellschaften, die den Vorstand beraten, kommt alles von Menschen, die nach meinem Eindruck weder Erfahrung vor Ort noch Verantwortung haben bzw. hatten. Dafür sind sie bestens vernetzt und schreiben wahrscheinlich die besten Angebote.

Ich würde gerne wissen, wie viel Geld die IG Metall in den letzten Jahren für diese Beratungsgesellschaften ausgegeben hat. Rumgekommen ist nichts oder?

In der IG Metall regiert nach meinem Eindruck die Etappe, die alle guten Posten besetzt und sich selbst zuarbeitet. Organisationsentwicklung sieht anders aus.

Detlef Wetzel weiß das alles, was ich hier geschrieben habe. Er ist klug und er hatte prophetische Gaben.

Denn er hat einmal einen guten Satz propagiert: es geht nicht so weiter, wenn es so weitergeht.

So bin ich sehr gespannt wie es weitergeht.

Nachtrag am 14.09.14:

Wie es weitergehen soll, haben sie nun aufgeschrieben.

„Für die europäischen Gewerkschaften insgesamt hält die Studie im Wesentlichen zwei Wege für sinnvoll: erstens „innovative Verhandlungsstrategien“, wie zum Beispiel das Projekt „Gute Arbeit“ und die Kampagne „Kurswechsel für ein gutes Leben“ der IG Metall, sowie die Thematisierung der „Work-Life Balance“ etwa durch schwedische und österreichische Gewerkschaften oder etwa auch Tarifabschlüsse in Dänemark, die es den Beschäftigten überlassen, ob sie Tarifbestandteile als Lohn, als Rentenbeitrag oder als Extraurlaub verwerten möchten. Im Alltagsgeschäft gingen derartige Ideen leicht unter, in „harten Zeiten“ seien innovative Ansätze aber unabdingbar, um „effektive Organisationen und die Mobilisierungsfähigkeit wiederaufzubauen“, analysiert das Autorentrio.“

Und direkt danach lesen wir sie wollen Organizing als neues Lösungsmittel überall und sie sehen dies als moral power an, die sie unbedingt brauchen.

Und die Moral von der Geschicht?

Neue Wege wollen sie nicht.

Nachtrag am 1.08.2015:

In der Mitbestimmung 7/8 2015 wird Irene Schulz interviewt zum Thema Mitgliedergewinnung. Da kann ich nur sagen, lesen, weil es immer noch nichts Neues gibt. Besonders bemerkenswert erscheint mir der letzte Satz von ihr: „Denn überall da wo wir als Gewerkschaft stark sind, sind die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten besser.“

Dieser Satz stimmt nicht mal in seiner Allgemeinheit, weil in sehr vielen sehr kleinen Betrieben Beschäftige ohne Tarifvertrag einfach aufgrund ihrer nicht direkten Ersetzbarkeit gut bezahlt werden und in einigen sehr großen Betrieben – vor allem im Angestelltenbereich – die Gehälter und die Arbeitsbedingungen besser sind als bei den meisten IG Metall Tarifverträgen. Bleiben die Facharbeiter. Da ist das Gefälle besonders extrem wie man bei den Autoherstellern sehen kann. Dort ist die IG Metall besonders gut organisiert und hat besonders gute Tarifverträge – auf Kosten der Zulieferer. Insofern ist dies ein sehr zweischneidiges Schwert.

Aber warum soll die IG Metall sich ändern, wenn sie mit ihrer Strategie so erfolgreich ist wie Irene Schulz sagt?

Genau, weiter so.

Text 1.2

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